Leseproben lassen Zuhörer innehalten
Zahlreiche Besucher lauschen Pfarrer Mergel im "Pulverfässle" / Erinnerungen und sozialkritische Texte
Von Bettina Bausch
Simmozheim. „Es war immer mein Traum, am Kamin zu lesen“, bekannte Pfarrer Manfred Mergel vor Beginn seiner adventlichen Lesung. Während draußen Schnee lag und klirrende Kälte herrschte, war es im „Pulverfässle“ wohlig warm, und die Flammen knisterten im Kaminofen.
Ein großer Stern hing am Fenster und Kerzen waren entzündet worden. Von dieser Atmosphäre und den weihnachtlichen Texten auf Schwäbisch und Hochdeutsch ließen sich die zahlreichen Besucher gefangen nehmen und erlebten einen ebenso heiteren wie besinnlichen Abend.
„No net hudle ond auf de Absätz omdrea, net auf'd Leut rondergucka ond net raffa ... Bloß still sei, oimol genügend Zeit, oimol gemütlich Zeidung lesa ond de Spatza zugucka ...“, hieß es dann auch gleich zu Beginn in einem schwäbischen Text.
Mit zwei Leseproben aus dem kürzlich veröffentlichten Buch „Des kannst dr net vorstella!“ mit Erinnerungen älterer Simmozheimer Bürger stellte Mergel den Bezug zur Gäugemeinde her. Doris Gerstmair schildert in ihrem Text auf amüsante Weise, wie das Christbaumkaufen in Simmozheim früher vor sich ging. Martha Häberle erinnert sich an ein Weihnachten, an dem sie „vor lauter Arbeit den heiligen Abend fast vergessen hätte“.
Höhepunkt der Lesung war zweifellos der Vortrag von Auszügen aus der lustigen Erzählung „Hilfe, die Herdmanns kommen“ von Barbara Robinson. Die sechs ungehobelten Kinder einer armen Familie sind in ihrem Viertel als Rowdies bekannt und gefürchtet, denn sie schlagen andere Kinder, klauen, rauchen, beschädigen Autos und haben eine derbe und oft unflätige Sprache. Deshalb sind sie abgestempelt, werden abgelehnt und sind ausgegrenzt.
Sie kommen jedoch zur Probe für das alljährliche Krippenspiel der Kirchengemeinde und erhalten Rollen zugeteilt und mischen das Spiel nach ihrer Art auf.
Da sie die Bibel nicht kennen und auch von der Weihnachtsgeschichte nichts wissen, hinterfragen sie alles, empfinden die traditionelle Darstellung des Krippenspiels als unecht und spielen schließlich ihre Rollen aus ihrer Sicht.
Was für viele Gemeindeglieder als unpassend gilt und was manche geradezu als Skandal empfinden, wird durch die Spielweise der Herdmann-Kinder so echt, dass in der Gemeinde von vielen das Verstaubte, Aufgesetzte und Fassadenhafte der bisherigen Aufführungen erkannt wird und sie die Weihnachtsgeschichte neu sehen.
Mit einem besinnlichen, aussagekräftigen Gedicht von Theodor Fontane schloss die Lesung, die die Besucher sichtlich beeindruckte und innerlich berührte.
