Wohltat im Weihnachtsstress
Pfarrer Manfred Mergel gestaltet seine siebte Simmozheimer Lesung am Kaminfeuer
Von Annette Selter-Gehring
Simmozheim. Heiteres und Besinnliches zur Vorweihnachtszeit hörten die knapp 100 Gäste bei der siebten Lesung mit Pfarrer Manfred Mergel am Kaminfeuer.
Begleitet vom sanften Knistern der Holzscheite las Mergel klassische und zeitgenössische Texte in der bis auf den letzten Platz belegten Schützengaststätte „Pulverfässle“ in Simmozheim. Beides gehört für den Pfarrer, Autor und Übersetzer zur Adventszeit: Die Vorfreude in den glänzenden Augen der Kinder, stimmungsvoller Kerzenschein und Plätzchenduft. Aber auch die Traurigkeit all derer, die einsam sind, krank oder einen geliebten Menschen verloren haben. Deren Not kommt gerade in der Weihnachtszeit verstärkt ans Licht. Für Pfarrer Manfred Mergel ein Grund, bei seinem Vorleseabend am Kaminfeuer neben heiteren Geschichten den Zuhörern auch nachdenkliche, fast melancholische Texte vorzutragen, die von eben diesem Leid sprechen.
Mergel hat eine besondere Liebe zu Erzählungen, besonders zu Weihnachtsgeschichten. In seinen Regalen findet sich eine erstaunliche Sammlung, die stetig wächst. „Immer wieder stoße ich auf einen Text, der für mich Weihnachten ausdrückt“, sagte der Geistliche. Und das sind beileibe nicht nur die traditionellen Weihnachtsgeschichten. Für die Lesung am Kaminfeuer wählt der Simmozheimer Pfarrer neben Geschichten voll freudiger Erwartung, Hoffnung und Liebe bewusst auch Texte aus, die kritisch sind. So stand im Mittelpunkt der diesjährigen Lesung die Erzählung „Erika“ von Elke Heidenreich aus dem Band „Kolonien der Liebe“, in der ein Plüschschwein Weihnachten in die Herzen bringt. „Heiter und kritisch“, umschrieb Mergel und betonte: „Tradition ohne Inhalte braucht es nicht.“
So ist es denn Erika, das riesige, rosarote, samtigweiche Plüschschwein, das sich mit seiner Besitzerin Betty auf die Reise nach Lugano macht und unterwegs allen, denen sie begegnen, ein Lächeln auf die Lippen zaubert und die Menschen, die in die sanften blauen Glasaugen von Erika blicken, glücklich und mit Frieden im Herzen zurücklasst. Niemand kann Erika wiederstehen, jeder will ihr weiches Plüschfell anfassen, sie hinter den zarten Ohren kraulen oder gar auf die rosa Rüsselnase küssen.
Und auch die Zuhörer in Simmozheim ließen sich verzaubern von diesem Plüschschwein und einer Geschichte, die von Abschied, Suche und ein bisschen vom verborgenen Sinn des Lebens handelt.
Das Kaminfeuer verwandelte zusammen mit Kerzen, den vielen Gästen und dem versierten Vorleser Mergel die Gaststätte schon bald in eine anheimelnde, wohlig warme Stube, in der Weihnachtsstress und -frust außen vor blieben. Auch wenn in einer der gelesenen Geschichten eben dieser Weihnachtsfrust Thema war. „Als Weihnachten ausfiel“ zeigte, dass das Fest nichts mit Konsum zu tun hat. Wer darauf verzichtet, der muss noch lange nicht auf das Wunder der Weihnacht verzichten.
Klassische Gedichte von Theodor Strom, zwei Texte von Erich Kästner und Stücke aus dem „Schwäbischen Adventskalenderbuch“ von Manfred Mergel rundeten den abwechslungsreichen Vorleseabend ab.
