Kirchengemeinde Simmozheim

Geld fehlte an allen Ecken und Enden

Simmozheim: Heimatgeschichte auf 100 Seiten / Aufzeichnungen von älteren Mitbürgern

Von unserem Mitarbeiter Heinz Richter

100 Seiten Simmozheimer Heimatgeschichte gibt es bereits. Zusammengetragen hat es Doris Gerstmair bei den älteren Simmozheimern, die viel zu erzählen wussten, nachdem der evangelische Gemeindepfarrer Manfred Mergel dazu aufgerufen hatte. Jetzt lud der Pfarrer zu einem Abend unter dem Motto „Des kannscht dr net vorstella“ ins Gemeindehaus ein und die Plätze reichten für die rund 140 Besucher kaum aus.

Die Liebe zur Heimatgeschichte begann bei Doris Gerstmair Mitte der achtziger Jahre. Um ihre Eltern zu pflegen, gab sie ihre Arbeit auf. Auch ihr Vater war früher von der Heimatgeschichte begeistert. Die zeit zu Hause nutzte sie, die Geschichte ihrer Heimatgemeinde Simmozheim aus alten Archiven der Kirche und der Gemeinde aufzuarbeiten.

„Ich war eine der wenigen, welche noch die altdeutsche Schrift lesen konnten“, erzählt sie der Sindelfinger Zeitung. Die meisten alten Aufzeichnungen sind in der Sütterlinschrift verfasst. In der Kirchengemeinde reichen archivierte Unterlagen bis zum 17. Jahrhundert zurück.

Seit 1996 hat Doris Gerstmair drei Bücher verfasst, alles Unikate. Die Einzelexemplare können nur in der Ortsbücherei im Rathaus ausgeliehen werden. Ein Buch beschreibt alte Dokumente der Kirche, das andere gibt einen Einblick ins Gemeindearchiv vom Rathaus und im dritten Buch mit dem Titel „Mein Simmozheim“ sind Aufzeichnungen von älteren Mitbürgern versammelt.

Den Anstoß zur jetzigen Geschichtszusammenstellung gab Pfarrer Manfred Mergel eher beiläufig, als er bei einer adventlichen Kaminlesung im Schützenhaus meinte, es sei schade, dass viele Geschichten älterer Simmozheimer verloren gingen, weil sie niemand aufschreibe. Doris Gerstmair griff die Idee auf und war viele, viele Stunden bei älteren Mitbürgern im Ort unterwegs und schrieb das Erzählte auf. Vielleicht gibt es dieses Mal aus den 100 Seiten ein Buch. Ein farbiger Umschlag mit dem Titel „Des kannscht dr net vorstella“ ist bereits entworfen. Nur ein Investor fehlt noch.

Die Erzählung von Margot Haußer, vorgetragen von Pfarrer Manfred Mergel, handelt vom Leben nach dem Krieg. Die Scheune musste repariert werden und so ging die zehnjährige Margot mit ihrem neunjährigen Bruder mit dem Leiterwagen nach Calw, um Farbe zu kaufen. Mit Vesperbrot und Geld marschierten die Kinder los. „Ohne viel zu streiten, erreichten wir Calw“, heißt es weiter. Am Gehweg wurden Kirschen angeboten und die Kinder beschlossen, auf dem Rückweg ein Pfund mitzunehmen. Aber als dort stand: 500 Gramm 1,70 Mark, kam das den Kindern teuer vor. „Wenn's wenigstens ein Pfund wär“, dachten sie und gingen ohne Kirschen nach Hause. „Als wir dort die Geschichte erzählten, hatten wir auch noch Spott und Hohn.“

Über 40 Geschichten gibt es allein von Martha Häberle aus dem Simmozheimer Teilort Büchelbronn. In Oberkollbach geboren, musste sie schon bald in der Landwirtschaft voll mitarbeiten, weil ihr Vater im Jahr ihrer Geburt erblindete. Später heiratete sie einen Simmozheimer und lebte fortan in Büchelbronn. Ihr späterer Mann musste nach dem Krieg noch sieben Jahre warten. Erst als der Bruder von Martha aus der Kriegsgefangenschaft heimkam, ließen die Eltern sie heiraten. Aber die Arbeit wurde nicht weniger und Geld fehlte an allen Ecken und Enden. Jede Mark wurde für Zement des Scheunenbodens ausgegeben. Sieben Kinder bekam das Paar im Laufe der Jahre. Wenn Martha zur Arbeit aufs Feld musste, schloss sie ihre Kinder zu Hause ein. Einmal schlief sie beim Bügeln ein. Ihr Mann schaute erst nach ihr, als es anfing zu stinken. „Zum Glück, sonst wär' das Haus abgebrannt“, erinnert sie sich.

Doris Gerstmair mit ihren Aufzeichnungen im Kreise der Simmozheimer Autorinnen der Erzählungen von damals: (von links) Margot Haußer, Johanna Kühnle, Doris Gerstmair., Erika Schäuble und Gretel Vielfort.


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