Das kann sich heute niemand mehr vorstellen
Gesammelte Geschichten erinnern an Dorfleben vor einem halben Jahrhundert
Von Bettina Bausch
Simmozheim. Das Evangelische Gemeindehaus der Gäugemeinde platzte aus allen Nähten, als Ortschronistin Doris Gerstmair und Pfarrer Manfred Mergel unter dem Motto „Des kannst dr net vorstella!“ zum ersten Mal eine Auswahl der gesammelten Geschichten über frühere Simmozheimer Verhältnisse, Erlebnisse und Originale vortrugen.
In fast jeder Geschichte wurden die Lebensumstände nachgezeichnet, die von harter Arbeit, einfachem, bescheidenem Leben, aber auch von mutigem, unverdrossenem Einsatz und guter Gemeinschaft berichteten.
Da wurde zum Beispiel von Martha Häberle erzählt, die von Oberkollbach nach Simmozheim geheiratet hatte, sieben Kinder durchbringen musste, mit ihnen immer wieder zu Fuß in ihre Heimatgemeinde wanderte und noch eine Torte im Kinderwagen mitbrachte, wenn sie ihre betagte Mutter besuchte. „Nur mit Geduld, Humor und meinem Glauben konnte ich das Leben meistern“, sagt die tüchtige Familienfrau im Rückblick auf ihr Leben.
Eine andere Geschichte handelte von einer Konfirmation vor fast 60 Jahren. „In der Zeit vor der Währungsreform gab es fast nichts zu kaufen und man bekam damals sehr wenig geschenkt. Wir mussten 60 Bibelverse und die Zehn Gebote auswendig lernen. Es war aber trotzdem ein schönes Fest“, berichtete die jetzt in Althengstett lebende Gretel Vielfort.
Eine anrührende Geschichte von Emma Szameitat auf Schwäbisch berichtete davon, dass früher Mädchen vom Land oft bei meist städtischen Herrschaften „in Stellung gehen“ mussten. Da gab es dann in einem erzählten Fall eine kleine Kammer unter dem Dach, in der es bitter kalt war und es sogar hineinschneite.
„Am Abend han i a Steinhägerflasch gfüllt mit heißem Wasser als Bettflasch, damit han i mi morgens no gwäscha“, erinnert sich die vitale Seniorin. Es gab bei ihren Herrschaften wenig zu essen und gleichzeitig wurde ihr viel Arbeit abverlangt. Ein hartes Leben, bei dem es viel zu lernen galt. Im Bericht „Goldene Konfirmation“ von Margot Haußer hieß es: „Uns hat man damals für den Haushalt gedrillt und gesagt: Eine, die nicht kochen, putzen und nähen kann, kriegt bestimmt keinen Mann“.
Nachdenklich stimmte ein Bericht von der Vertreibung und Flucht aus Ostpreußen. Eher unterhaltsam und auch immer wieder lustig waren die anekdotenhaften Erzählungen über den Schäfer Kurz, an die sich Erika und Hans Schäuble erinnerten. Der bauernschlaue Schäfer liebte den Alkohol und hatte in jeder für ihn kniffligen Situation eine originelle Antwort parat.
„Beim Lesen der Texte fällt einem auf, wie viel sich in nur 50 Jahren verändert hat. Es sind Welten, die zwischen damals und heute liegen“ sagte Pfarrer Manfred Mergel. Wichtig sei, diese Geschichten den Kindern vorzulesen, „damit der Verbindungsfaden nicht abreißt“. Mit Begeisterung wurde das Heimatlied „Ein Flecken auf dieser Erde...“ gesungen, das Günther Niethammer anlässlich der 1000-Jahr-Feier Simmozheims im Jahr 1985 gedichtet hat.

Die zahlreichen Besucher des Gemeindeabends konnten immer wieder über anekdotenhafte Geschichten lachen.

